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Über den Bildschirm flimmert nackte Haut, Leidenschaft und Hingabe. Doch anders als sonst verfolgen die Jugendlichen nicht gebannt den Liebesakt, sondern drehen sich angewidert zur Seite. Denn das Liebespaar im Film hat Falten, schrumpelige Finger und schlaffe Haut. Die Leiterin des Workshops und Sexualtherapeutin Nicole Kienzl dazu: “Unsere Gesellschaft verbindet Sex eben mit jungen und attraktiven Körpern, so wie es Pornos oder Werbebilder an jeder Ecke suggerieren. Sexualität im Alter ist immer noch ein Tabuthema.” Umso wichtiger, dass wir darüber reden.

Tabuisierte Sexualität

Leidenschaft und die Sehnsucht nach körperlicher Nähe und intimen Berührungen schwinden auch im Alter nicht. Und obwohl wir in einer sehr sexualisierten Gesellschaft leben, in der es an Reizen und nackter Haut nicht fehlt, scheinen ältere Menschen hiervon ausgeschlossen. Sie werden als krank, schwach und zerbrechlich angesehen, Sexualität im hohen Alter als unangebracht stigmatisiert. “Wir müssen viel mehr darüber reden und Aufklärungsarbeit leisten”, sagt die Sexualtherapeutin, “das Bedürfnis nach einer erfüllten Sexualität ist ein Recht, das jeder besitzt.” Obwohl auch viele Patienten im hohen Alter zu ihr in die Praxis kommen, unterdrücken und verschweigen ältere Leute oft ihre sexuellen Bedürfnisse. Grund dafür könnte ihre Erziehung sein, so Kienzl: “Ich glaube, diese Berührungsangst kommt daher, dass sie so aufgewachsen und erzogen worden sind. Sie haben verinnerlicht, dass man darüber nicht sprechen darf.”

Pflegewissenschaftler Erwin Böhm, der das psychobiografische Pflegemodell entwickelt und zahlreiche Bücher herausgegeben hat (etwa Sexualität in der Demenz), fügt hinzu: “Man hat sich früher nicht gestreichelt oder unter Familienangehörigen liebkost. Man hatte Angst vor Nähe. Vergessen darf man nicht, dass oft viele Leute in einem Raum lebten.” Anders als jene, die heute einen offeneren Umgang mit Sexualität wahrnehmen und diesen auf die 68er-Bewegung zurückführen, sieht er in dem Bereich keine große Veränderung der Gesellschaft: “Es wird nur mehr darüber geredet und zerredet, aber trotzdem stehen die Menschen nicht über den Normen. Allerdings führen die vielen sexuellen Schlüsselreize zu einer Abstumpfung und damit zu einer Verringerung der Sexualität.”

Liebe kennt kein Verfallsdatum

Das Problem der Omnipräsenz von Sex in der Öffentlichkeit spricht auch Gerald Kummer an, als er versucht, Gründe für den Zustand unserer “chronisch berührungsarmen Gesellschaft” zu finden: “Einerseits wird uns durch die mediale und vermarktete Überpräsenz von Sex jede Art von ‘Zauber’ genommen und die damit verbundenen ‘Vorgaben’ gleichzeitig als nicht erfüllbar empfunden. Andererseits besteht bei jeder Art von verbalen Flirts oder gar körperlicher Berührung die Gefahr, die Schwelle zum Missbrauch zu überschreiten. Wie bei vielen Bereichen in unserem Leben gibt es kein gesundes Mittelmaß mehr.” Er erlebt die stille und auf lange Zeit verdrängte Sehnsucht “hautnah”, denn Gerald Kummer ist Surrogatpartner. Das bedeutet, dass er (unter anderem) ältere Menschen dabei unterstützt, ihr Bedürfnis nach zwischenmenschlichen und intimen Kontakten zu stillen. Wichtig ist ihm, seine Arbeit streng von Prostitution zu unterscheiden. Denn seelische und emotionale Zuwendung sei in seiner Arbeit wichtiger als die sexuelle. Als Surrogatpartner unterstützt er Frauen, die Schwierigkeiten damit haben, Männern nahe zu sein – sei es auf psychischer und mentaler oder auf körperlicher Ebene Als Mann möchte er dazu beitragen, dass Frauen über den therapeutischen Kontext Wege finden, wieder psychischen und körperlichen Kontakt zuzulassen. Das stärke das Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein der Frauen. Manchmal gehe es auch nur darum, “Nein” sagen zu können: “Besonders bei Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. Ich bewundere diese Frauen, wenn sie sich erneut auf den Weg machen, verlorenes Vertrauen wieder zu erarbeiten.”

Wie viel Lust und Leidenschaft auch in alten Menschen steckt, werde ihm immer wieder bewusst. Etwa bei jenen, die gerade im Alter ihre vormals nicht oder nur wenig ausgelebte Lust neu entdecken wollen. “Wenn in der Einrichtung offen über die Thematik gesprochen wird, dann werden meist Sozialarbeiter hinzugezogen. Wenn die Bescheid wissen, dass es ‘uns’ gibt, wird der Kontakt hergestellt.” Viele seiner Kundinnen sind älter als 60, beziehungsweise bereits in Pension. “Die älteste meiner Kundinnen erfreut sich regelmäßig ihrer Lust im schönen Alter von 76 Jahren. Sie hat nach über 20 Jahren als Witwe wieder gelernt, sich ihrer Körperlichkeit bewusst zu sein.”

Das Herz bleibt jung

“Endlich ist der Mythos aus der Welt, dass Frauen denken, mit dem Wechsel hört auch die Sexualität auf”, meint Nicole Kienzl. “Denn gerade dann wird es wirklich schön”. Man kenne seinen eigenen Körper gut, wisse, was einem guttut und reduziere Sexualität nicht nur auf den Orgasmus. Mehr Gelassenheit, weniger Druck. Mehr Vertrauen, mehr Genuss. Denn bei Sexualität gehe es um viel mehr als um den Geschlechtsakt an sich, weiß die Sexualtherapeutin: “Der Wunsch nach Zärtlichkeit und Intimität bleibt ja auch noch im Alter erhalten. Gerade dann ist der wichtigste Sinn der Sexualität der intime Moment, die Begegnung mit dem anderen.” Es gehe nicht nur um den Höhepunkt, sondern vielmehr um das Erleben von Körperlichkeit und Intimität. So sieht das auch Pflegewissenschaftler Böhm: “Da man sich unter Sexualität nicht unbedingt einen Koitus vorstellen darf, sondern auch Erotik und Reize, die Spaß machen, ist Sexualität einer der wichtigsten Lebensantriebe und von unbedingter Notwendigkeit.”

Die gängigen Vorstellungen von Sexualität werden allzu oft von der medialen Darstellung dominiert. Doch diese stimmen oft weder mit der Realität noch mit den Bedürfnissen der Menschen überein. Lassen wir einander doch leben und lieben, meint Gerald Kummer: “Eines weiß ich bestimmt aus meiner Tätigkeit. Wer Sex bewusst lebt, erlebt, auslebt, ist ein glücklicher Mensch. Und was will man mehr als glücklich alt zu werden?”

Illustration von Barbara Zilinska

Barbara Schechtner
Barbara Schechtner Barbara Schechtner ist im Sommer aus dem Ausland zurückgekehrt – dort absolvierte sie ihren Bachelor an der Universität Sevilla, ein Praktikum in Hamburg und eines in Nicaragua. Sie liebt es zu schreiben und tut es nun unter anderem für das profil (Portfolio) und die Grazer WOCHE. Für OIDA war sie an ihrem Lieblingsplatz, nämlich unter Menschen, und sprach mit Alt und Jung. Etwa über das schönste aller Themen: über die Liebe.