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Verklärt ist ihr Blick. Abwesend und nachdenklich. Irgendwie liebevoll. Das Licht im Zimmer ist gedimmt, fast romantisch. Im Hintergrund läuft leise, ruhige Musik. Ihre offene, klangvolle Stimme erzählt von früher. „Einmal war ich mit ihm bei ner Transenshow und er schreit rein Schlampe. Und ich einfach nur so Iiiih!“

Laura spricht von ihrem Vater. Fast 50 Jahre war er alt, als sie geboren wurde. Die Mutter 20 Jahre jünger. Sie wollte verreisen, er hat im Reisebüro gearbeitet. Sie war jung, hat clever versucht ihn auszutricksen, um Geld zu sparen. Ihm gefiel die freche junge Frau. Er hatte ja ihre Telefonnummer, rief sie an…

Es ist ganz anders gekommen, als man meinen möchte. Die junge Mutter ist viel zu früh gestorben, der „alte“ Vater ist mit 77 Jahren heute fitter als viele jüngere Menschen. Er kümmert sich sehr um seine Gesundheit. Auch Laura zuliebe. „Ich glaub, das worauf er in den ersten 50 Jahren nicht so geachtet hat, versucht er halt jetzt komplett rauszuholen. So wie wir es vielleicht auch tun werden, keine Ahnung.“
Laura lacht.

Laura ist in Westberlin geboren. Ihr Vater Peter erzählt, deshalb wenig mit Vorurteilen konfrontiert gewesen zu sein. Es sei dort üblich gewesen, spät Kinder zu bekommen. Die Freiheit war wichtiger. „Das wurde in Westberlin hinausgeschoben. Bloß nicht mit 30. Das kann später auch noch sein.“
Aber es gibt eine Situation, die er nicht so schön in Erinnerung hat. Nach dem Mauerfall sei er mit Laura ab und zu nach Ostberlin gegangen. Da hörte er etwas, was er noch nie zuvor gehört hatte. Da hieß es dann nicht „dein Vater“, sondern plötzlich „dein Opa“. Gestört hätte ihn das nicht so sehr, meint Peter. Er hätte sich einfach nichts anmerken lassen.

Für Laura war das hingegen nicht so einfach. Die Schule ist für den Tag zu Ende, die Glocke hat geläutete. Über den Schulhof rennt Laura als kleines Kind in die Arme ihres wartenden Vaters. „Schau mal, da ist dein Opa!“. Das hat Laura früher oft gehört. „Das hat mich schon sehr gestört, das fand ich richtig unangenehm.“ Und nicht nur das. Ein Kind kann Alter schwer einschätzen. Was denkt ein Kind, wenn jemand erzählt, er sei 50? „Das fand ich schon alt, so als Kind. Richtig alt.“

Das mit dem Alter hat sich inzwischen ausgeglichen. Äußerlich. Sie sei älter geworden, ihr Vater sei für sie gleichgeblieben. Laura ist jetzt Ende 20. Nach einem Studium in Wien, geht sie nun zurück nach Berlin. Auch wegen ihrem Vater.

Laura senkt den Blick, hält ihre Teetasse mit beiden Händen fest umklammert. „Auch allein, weil ich weiß, dass er kürzer da sein wird als andere Väter. Ich weiß, dass ich mit ihm mehr Zeit verbringen kann als andere, weil er einfach früh in Rente gegangen ist und eben so ein aktiver Mensch ist.“ Sie schweigt. Schluckt. „Aber ja, es ist einfach ne beschränktere Zeit.“
Eine eigene Familie, Kinder, Hochzeit. Laura wünscht sich das. „Ich seh halt so die Selbstverwirklichung in der Familie. Ich hatte so ne gute Beziehung zu meiner Mutter, dass ich mich nach so ner Verbindung sehne, mit nem Kind.“ Lauras Augen glänzen, ihre Stimme zittert ein bisschen. Sie weiß, dass er diese Dinge vielleicht nicht mehr miterleben könnte. Eine schmerzhafte Vorstellung. „Wenn schon die Mutter nicht dabei ist“, sagt sie mit brüchiger Stimme. Dann lacht sie, verstellt ihre Stimme. „Die Mutter. Die Mudda. Also meine Mama.“

Den Humor hat sie von ihrem Papa. Der nimmt sich auch nicht so ernst. Vielleicht etwas, das man beim Yoga lernen kann. Das hätte ihr Papa schon früh für sich entdeckt, erzählt Laura. Das verbinde die beiden auch. Sie sind viel zusammen unterwegs, auf Yoga-Reisen, im Urlaub, in Bars. „Also jetzt nicht mehr, was weiß ich, in der wilden Renate oder so, oder wie die Läden alle heißen. Aber ab und zu, so am Abend in Kneipen.“, sagt Peter. Typischer Berliner eben? Blöde Bemerkungen hören die beiden heute nicht mehr. Wenn sie zusammen unterwegs sind, sind sie einfach Vater und Tochter.

Felicitas Lindner
Felicitas Lindner Felicitas Lindner erzählt gerne Geschichten. Am liebsten geschriebene. Bei ihrer Tätigkeit beim ZDF oder bei ihrem Projekt Donaudynamik werden die Geschichten aber auch zum bewegten Bild. Sie hat Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Psychologie an der Universität Wien studiert. Für OIDA hat sie das Thema späte Vaterschaft zu ihrem Spezialgebiet gemacht und sie durfte in die Familiengeschichte von Laura und ihrem Papa Peter eintauchen.