Fini Zirkovich wohnt in einem zweistöckigen Reihenhaus in Mattersburg. Früher hat sie hier mit ihren drei Kindern gelebt. Von ihrem Mann hat sie sich schon lange getrennt. Ihre Kinder sind erwachsen und seit deren Auszug lebt sie hier alleine. Wir setzen uns an den großen ovalen Esstisch in ihrem Wohnzimmer. Fini stellt drei Gläser Mineralwasser und selbstgebackene Kekse auf den Tisch und beginnt ihre Geschichte zu erzählen.

Fini ist 74 Jahre alt. Bis zu ihrer Pensionierung war sie Lehrerin an der örtlichen Hauptschule, später Direktorin ebendieser. Sie setzte sich für ihre Schülerinnen und Schüler ein und liebte ihren Job. 26 Jahre lang engagierte sie sich zusätzlich als ehrenamtliche Bewährungshelferin. Doch ihre wahre Leidenschaft war immer das Schreiben. Diese Leidenschaft wollte sie weitergeben und startete Anfang der 1990er Jahre ihre erste Schreibwerkstatt. Als Autorin veröffentlichte sie zwei Märchenbücher und zahllose Texte.

Entgeltliche Einschaltung

Eines dieser Bücher liegt vor ihr auf dem Tisch, auf dem Cover sieht man eine abstrakte Aquarellillustration. Wenn Fini darüber spricht, hört man die Freude in ihrer Stimme. An den Wänden ihres blassgelb gestrichenen Wohnzimmers hängen, neben abstrakten Malereien, Fotos ihrer Enkelkinder. Drei sind es inzwischen, zwei Buben und ein Mädchen. Auch als Großmutter ist Fini voll ausgelastet. Doch trotz ihres erfüllenden Lebens stimmte etwas nicht. Fini war nicht rundum glücklich. Von dieser Zeit will sie heute erzählen. Von einer Zeit, in der es ihr sehr schlecht ging, trotz Freunden und Familie.

Grundlegende Veränderungen

Fini erzählt ihre Geschichte gefasst, durch zahlreiche Lesungen ist sie es gewohnt, vor Leuten zu sprechen. Mit 60 konnte sich Fini nicht vorstellen, dass jemand ein Problem mit dem Älterwerden hat. Schon gar nicht sie selbst. Für sie war das Älterwerden: „Ein paar Falten, graue oder weiße Haare (…)“ Dass sich das Leben im Alter grundlegend verändert, damit hatte sie nicht gerechnet: Die Kinder stehen auf eigenen Beinen und ziehen aus, die eigenen Eltern sind verstorben. Mit der Pensionierung fällt ein Großteil der täglichen Beschäftigung weg und auch der Körper vermittelt erste Anzeichen des Älterwerdens. Mittlerweile wartet Fini auf ihre zweite Hüftoperation.

Überrascht davon, wie wenig sich ihre Vorstellungen mit ihrer Lebensrealität decken, bekam Fini Angst vor dem „Absinken in die Bedeutungslosigkeit“, wie sie es ihren Freunden gegenüber beschrieb. Ihre Freunde, zum Teil zehn Jahre jünger als sie, konnten ihre Situation nicht nachvollziehen. „Ich lächelte nur weise und dachte mir: Die sind noch nicht so weit, die können das noch nicht verstehen“, erzählt Fini heute. Das Gefühl der Bedeutungslosigkeit führte zu ihrer Lebenskrise – eine Entwicklung, die sie sich aufgrund ihres erfüllten Lebens nicht erklären konnte.

Der Begriff Lebenskrise ist sehr weit gefasst. Klarheit verschafft Prim. Dr. Christa Radoš. Sie ist Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP) und sagt: „Ein gewisses Maß an Umstellungsschwierigkeiten haben vermutlich die meisten nach Beendigung ihrer beruflichen Laufbahn, aber nicht bei jedem führt das zu einer Lebenskrise.“ Meist handle es sich dabei um eine vorübergehende Befindlichkeitsstörung. Doch wird die Belastung zu hoch, können krankheitswertige Symptome auftreten. Wie auch bei Fini. Dann kann es zu einer Anpassungsstörung kommen. Davon sind aber nicht nur ältere Menschen betroffen. „Gerade in Zeiten der Veränderung (…) ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es zu Anpassungsstörungen kommt“, sagt Radoš. Sie spricht dabei besonders gravierende Veränderungen im Lebenszyklus an. Sei es nun der Eintritt in die Berufswelt oder der Beginn der Pension.

„Das kann nicht alles gewesen sein“

Doch wie kam es zu Finis Entwicklung? Mit der Geburt ihres ersten Enkelkindes verlagerte sie ihre Prioritäten auf die Familie und gab nach und nach ihre nebenberuflichen Tätigkeiten auf. Das Großmuttersein stand für Fini an erster Stelle.

Zwei weitere Enkelkinder folgten und die Großmutter wurde noch mehr gebraucht. Fini liebt ihre Familie und die Zeit mit ihren Enkeln, doch sie kam an den Punkt, an dem sie sich sagte: „Das kann nicht alles gewesen sein.“ Sie war unzufrieden und wollte sich nicht länger „nur“ als Großmutter definieren, wollte ihre eigenständige Persönlichkeit zurück. „Was tu‘ ich jetzt? Warte ich, bis es mir noch schlechter geht, bis ich noch einsamer werde? Das halte ich nicht aus“, sagte sie sich.

„Eine Voraussetzung um sich selbst helfen zu können, ist, dass man die eigene Situation realisiert und reflektiert. Manchen Menschen fällt dies leichter als anderen“, sagt Prim. Dr. Radoš. Fini hat genau das getan und erkannt, dass sie etwas ändern muss. Werden Frühwarnzeichen missachtet, können sich negative Stressfolgen entwickeln. Dann kann es zu Schlafstörungen, Angstzuständen und anhaltender Stimmungsverschlechterung kommen. „Meist kann man sich dann nicht mehr selbst helfen, es wird professionelle Hilfe benötigt“, sagt Radoš. Der erste Weg solle dann zur Hausärztin oder zum Hausarzt führen.

Alte Freuden

Fini entschied sich an die Dinge anzuknüpfen, die sie vorher gemacht hatte – Dinge, die ihr Freude machten. Ihre ehrenamtliche Tätigkeit als Bewährungshelferin fühlte sich für ihren Lebensabschnitt nicht mehr richtig an. Sie könne sich nicht mehr so gut abgrenzen. Die Schreibworkshops aber bereiten ihr noch immer viel Freude. Gemeinsam mit ihren Schreibfreunden schreibt sie nun auch selbst wieder. Manche ihrer Schreibfreunde sind zwanzig Jahre jünger als sie, trotzdem harmonieren sie miteinander. Die Unterhaltungen mit diesen sind für Fini besonders interessant, da sie von Problemen erfährt, mit denen die Menschen heute konfrontiert sind.

Neue Freuden

Neben dem Schreiben hat Fini eine ganz neue Leidenschaft: den Sport. Dreimal die Woche geht sie nun ins Fitnessstudio. Sie spürt, wie positiv sich das auf ihren Alltag auswirkt. Früher ist sie aufgrund der fehlenden Muskeln öfter gestürzt. Seit sie regelmäßig Sport macht, passiert ihr das nicht mehr. Sie erzählt, dass sie nach ihrer ersten Hüftoperation nicht mit Krücken gehen konnte, weil ihre Arme zu schwach waren. Das musste sie sich in der Reha mühsam erkämpfen. Nun ist sie im Fitnessstudio der Star, erklärt sie stolz. Dort sei sie ein Vorbild für die anderen Besucher, ihre Trainerin verweise oft darauf, wie sehr sie sich gesteigert hätte.

„Hier und Jetzt“

Dank ihrer neuen Aktivitäten hat Fini ihre Lebensfreude wiedergefunden und ihre „Three-Quarterlife-Crisis“ überwunden. Die Ängste sind gewichen, auch weil sich Fini Strategien für kommende Probleme zurechtgelegt hat. Von ihrer bereits verstorbenen Nachbarin schaute sie sich ab, wie sie ihr Reihenhaus altengerecht machen kann. Schritt für Schritt setzt sie das um. Und auch für den Tag, an dem sie nicht mehr mit ihrem Auto fahren kann, hat sich Fini von einer anderen Nachbarin bereits eine Lösung abgeschaut. Diese erledigt ihre Einkäufe mit dem Taxi.

Fini lebt heute im Hier und Jetzt. „Auch wenn es abgedroschen klingt“, sagt sie. Ihre Botschaft ist eindeutig: „Wenn ich jetzt eine Idee habe und jetzt etwas gern machen möchte, dann schaue ich, dass das möglich ist. In meinem Alter hat das noch mehr Bedeutung, denn ich habe keine Garantie dafür, dass ich noch zehn oder zwanzig Jahre lebe. Also muss ich jede Stunde ausnützen und das was mir Freude macht, mach‘ ich nicht erst übermorgen oder im nächsten Jahr, sondern JETZT.“

Wir ziehen uns an und verlassen gemeinsam das Reihenhaus. Fini setzt sich in ihr Auto und fährt lächelnd an uns vorbei, sie fährt zur Massage.

Sebastian Reiter
Sebastian Reiter @seebsn Sebastian Reiter hat nach seinem Bachelor in Sport-, Kultur- und Veranstaltungsmanagement, mittlerweile seine Zelte in Wien aufgeschlagen. Sein journalistisches Interesse gilt der Sportberichterstattung, egal ob beruflich oder in der Freizeit, vor dem Bildschirm oder im Stadion. Für OIDA hat er den Laptop mit der Kamera getauscht und sich auf Wiens Straßen begeben, um Jung und Alt nach ihrer Meinung zu fragen.
Miriam Seifert
Miriam Seifert @mainrnia Miriam Seifert hat einen Bachelor in Kommunikationswirtschaft. Dieses Studium hat ihr Interesse für Bewegtbild geweckt und den Wunsch, von Menschen und ihren Geschichten berichten zu wollen, gestärkt. Für OIDA zog es sie zurück in ihre Heimat Mattersburg, wo sie lernte, dass man Dinge, die einem Freude bereiten, jetzt machen soll und nicht später. Außerdem fand sie gemeinsam mit Sebastian Reiter heraus, was ältere Menschen in ihrer Freizeit machen.