Wie alt war dein Vater bei deiner Geburt?
Mein Papa ist 1931 geboren und ich kam 1993 auf die Welt. Das heißt er war bei meiner Geburt 62.

Und wie alt war deine Mutter?
Sie war 29. Ich habe auch noch einen jüngeren Bruder, der ist 1997 auf die Welt gekommen. Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater bereits 67.

Wie kann man sich eure Familienkonstellation vorstellen?
Zu Beginn muss man sagen, dass mein Vater 40 Jahre im Auswärtigen Dienst gearbeitet hat. Dadurch war es für ihn immer schwierig, Arbeit und Familie zu vereinbaren und natürlich die richtige Frau zu finden, die mit ihm eine Familie gründen möchte. Und als er meine Mama kennengelernt hatte, war sie erst 19 Jahre alt. Es hat aber sehr lange gedauert, bis sie sich entschieden haben eine Familie zu gründen. Eben als sie 29 war und er in die Pension gegangen ist und somit dauerhaft in Österreich war. Wir sind auch die beiden einzigen Kinder. Man kennt es vielleicht von anderen älteren Vätern, dass sie bereits eine vorherige Familie haben. Das war bei ihm aber nicht so.

Gab es Vorurteile oder Bemerkungen von anderen?
Klar, es gab ständig Leute, die geglaubt haben, dass er mein Opa ist.

Haben dich diese Bemerkungen genervt oder traurig gemacht?
Es ist schon traurig, weil man weiß, dass er vom Alter her mein Opa hätte sein können. Und Opas leben eben nicht so lange wie Papas. Aber es hat mich nicht beleidigt. Ich glaube sogar, dass es ihn mehr genervt hat wie mich.

Gab es Situationen in denen du dir einen jüngeren Vater gewünscht hast?
Ja meistens eigentlich. Es waren auch manchmal so Situationen, in denen andere gemeint haben „Oh dein Papa, der lebt ja hinterm Mond“, weil er vielleicht nicht wusste was ein iPod oder was Facebook ist. Man hat natürlich gemerkt, dass er nicht jeden neuen Trend kennt oder mitmacht. Und manchmal habe ich auch zugestimmt und gemeint, „Ja voll, da habt ihr recht und ich möchte jetzt auch endlich ein iPod haben“. Aber auf der anderen Seite habe ich ihn auch verteidigt und dagegen gehalten.

Hast du dir frühzeitig schon Sorgen und Gedanken darüber gemacht, dass dein Papa bei besonderen Erlebnissen in deinem Leben nicht mehr dabei sein wird?
Ich habe mir schon immer Sorgen gemacht. Mich ständig gefragt, ob er meinen 15., 18., 20. Geburtstag erlebt und so weiter. Mein Bruder hat sich solche Fragen dagegen überhaupt nicht gestellt. Er hat das quasi ausgeblendet. Und bis zum Ende war es für ihn unwirklich, dass der Papa sterben wird. Das war bei uns ganz unterschiedlich.

Habt ihr offen über diese Ängste und Sorgen reden können?
Bevor er gestorben ist, wollte ich überhaupt nicht darüber reden. Weil ich mir im Grunde gedacht habe, man kann es sowieso nicht ändern und das darüber Reden macht mich eher fertig. Jetzt im Nachhinein bespricht man das schon. Deswegen sind mein Bruder und ich auch erst darauf gekommen, dass wir so unterschiedlich gedacht haben. Ich weiß auch nicht, was besser für einen selbst ist.

Hat deine Lebenssituation auch einen Einfluss auf deinen eigenen Familien- und Kinderwunsch?
Ja, vielleicht, weil mein Papa beruflich sehr spannende Sachen erlebt hat und sich auch durch eine Familie nicht aufhalten hat lassen. Er hat eben erst sehr spät Verantwortung für uns übernehmen müssen und dadurch stand ihm natürlich in seiner beruflichen Laufbahn sehr viel offen. Deswegen denke ich auch eher, dass ich mir meine Karriere nicht nehmen lassen möchte. Mir ist das sehr wichtig, dass ich einen guten und spannenden Beruf habe. Familie kann ich auch noch etwas später gründen und steht momentan nicht an erster Stelle. Bei ihm war es auch so.

Worin siehst du die Vorteile an einem späten Vater?
Sicherlich haben sie mehr Zeit. Mein Papa war immer da, weil er bereits in Pension war, als ich auf die Welt kam. Ich kenn es nicht, dass mein Papa in die Arbeit geht. Meine Mama ist, als ich ein Jahr alt wurde, wieder arbeiten gegangen. Und er war zwar immer zuhause. Lustiger Weise hatte er aber ein Kindermädchen und eine Haushälterin, die für uns gekocht hat, eingestellt. Dass so was eigentlich eher ungewöhnlich ist, versteht man als Kleinkind erst sehr spät. Aber sicherlich hat er viel Zeit mit mir verbracht, mehr als manch andere Väter. Die Familie war auf jeden Fall gewollt von ihm, aber er hatte trotzdem noch sehr traditionelle Familienbilder. Und hat sich dadurch nie in der Papa-mit-Tragetuch-Rolle gesehen. Positiv war für mich auch, dass ich das Gefühl hatte mit zwei Generationen aufzuwachsen und dadurch mehr mitbekommen habe. Ich weiß nicht nur, wie unsere Eltern-Generation tickt, sondern auch wie da davor getickt hat. Die ältere Generation hatte natürlich auch noch andere Werte und Vorstellungen. Und das ist schon spannend. Gerade geschichtliche Aspekte und Erfahrungen habe ich komplett mitbekommen.

Welche Auswirkungen hatte das Alter deines Vaters auf eure Beziehung?
Vom Alter her kann man es sich so vorstellen, als wäre dein Großvater dein Vater. Es ist einfach ein großer Generationen- und Verständnisunterschied. Und in meinem Fall hat sich mein Vater sehr schwer getan, sich auf uns Kinder einzulassen. Er war einfach schon fast zu alt, um wirklich noch mit uns mitzuwachsen. Wenn man Kinder bekommt, braucht man das Potenzial sich weiterzuentwickeln und sich zu öffnen. Nicht nur Kinder in die Welt setzen und denken „das wars“. Sondern als Elternteil bereit sein ein Stück des Weges mitzugehen, andere Meinungen anzunehmen und sich bis zu einem gewissen Grad zu verändern. Das konnte er nicht und man kann ihm auch keinen Vorwurf machen. Alte Menschen sind einfach anders.

War dein Papa ein Vorbild für dich?
Ja, er war zwar eine spezielle Persönlichkeit, aber man konnte sehr viel von ihm lernen. Deswegen eher noch von ihm als Mensch, als vielleicht von ihm als Papa.

Ines Wunder
Ines Wunder Ines Wunder studierte Medienmanagement in Neu-Ulm im Süden von Deutschland und arbeitete danach im Marketing bei einem Verlag für Special-Interest Medien. Dadurch lernte sie den Beruf als Journalist näher kennen. Für das OIDA durfte sie mit interessanten Menschen zum Thema “Späte Vaterschaft” sprechen. Genau diese persönlichen Geschichten und neuen Sichtweisen auf ein Thema faszinieren sie am Journalismus.