Im Alter kann es für die Überlebenden der NS-Verfolgung besonders kritisch werden: „die Gefahr einer Retraumatisierung ist im Alter besonders hoch“, sagt Klaus Mihacek, der ärztliche Leiter der Ambulanz von ESRA, dem psychosozialen Zentrum für von der NS – Verfolgung und aus anderen Gründen traumatisierten Menschen in Wien. In den Jahren zwischen den traumatisierenden Erlebnissen und der Pensionierung gibt eine „Latenzzeit“, wo viele der Überlebenden „einfach versucht haben nicht an diese Erlebnisse aus der Zeit der Verfolgung zu denken, sondern eben ihre Familien zu gründen [und] Existenz aufzubauen“, so Mihacek weiter. Mit dem Eintritt in die Pension bzw. mit zunehmenden Alter kommen dann die Erinnerungen wieder hoch. Das hat laut Mihacek auch neurophysiologische Gründe: Das Kurzzeitgedächtnis wird schlechter, somit tritt das Langzeitgedächtnis in den Vordergrund. Das bedeutet auch die Erinnerungen an die Verfolgung bzw. die Erlebnisse an die Traumatisierung.

Auch Marijana Gligoric, Stellvertretende Leiterin der Praktikumsstelle vom jüdischen Altersheim in Wien, dem Maimonides-Zentrum, sagt man habe sehr oft beobachtet, dass [die Shoa] wieder Thema werde: “Also die Menschen beschäftigen sich doch etwas intensiver im Alter damit als in der mittleren Lebensphase, weil es natürlich dementsprechend mehr Zeit, mehr Raum gibt“.

Die 1936 geborene Katja Sturm-Schnabl ist Kärntner Slowenin und wurde 1942 im Alter von sechs Jahren in ein Aussiedelungslager der Nationalsozialisten in Rehnitz an der polnischen Grenze deportiert. Nach drei Monaten kamen sie und ihre Familie in ein Lager in der Stadt Eichstätt im heutigen Bayern. Sie war eine der KlientInnen von ESRA. Auch sie berichtet davon, dass im Alter die Erinnerungen noch stärker werden. Besonders jetzt wo ihr Sohn schwer erkrankt ist, kommt der Schmerz über Erlebtes noch viel stärker heraus.

Maßnahmen gegen Retraumatisierung

Die Erinnerungen können sich in unterschiedlichen Symptomen äußern. Im schlimmsten Fall sind es Flashbacks. Im Maimonides-Zentrum, wo ESRA einen Consiliar-Liaisondienst hat, wird versucht dem vorzubeugen, etwa durch die Sensibilisierung des Pflegepersonals. So werde zum Beispiel die Person informiert, dass man jetzt eine Pflegehandlung mache, sagt Mihacek. Denn für traumatisierte Menschen, kann Pflege zu einem Problem werden. Viele, vor allem Frauen, hätten Vergewaltigungen und andere Formen von sexueller Misshandlung hinter sich, aber auch sonst körperliche Gewalterfahrungen, das könne natürlich im Alter reaktiviert werden, erklärt Mihacek.

Verstärkte Abhängigkeit im Alter führt zu Problemen

Ein großes Problem für traumatisierte Menschen sei auch die Verschlechterung der Gesundheit im Alter und die verstärkte Abhängigkeit von anderen. Das berichtet die Leiterin der Sozialen Arbeit von ESRA, Gerda Netopil. Traumatisierte Menschen hätten quasi das Grundvertrauen verloren, seien dann aber angewiesen auf fremde Menschen. Die ganze Autonomie abzugeben und so abhängig zu sein, sei schon für einen nicht-traumatisierten Menschen nicht so einfach, aber für traumatisierte Menschen sei das ganz schwer. Das bestätigt auch Klaus Mihacek: “Das ist sicher ein signifikantes Phänomen auch in dieser Gruppe von Menschen, dass sie ja schon einmal in einem über Jahre oft in einer absoluten Abhängigkeit und in einem Ausgeliefertsein waren.“ Daher sei ein erneutes angewiesen sein auf andere Menschen besonders schwer.

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Gerda Netopil und Klaus Mihacek arbeiten im psychosozialen Zentrum ESRA mit traumatisierten Menschen.

Magdalena Pichler

Zeitzeugen können Warnzeichen erkennen

Nichtsdestotrotz haben die meisten Überlebenden ihre positive Lebenseinstellung nicht verloren. „Da gibt’s schon so eine Form von Resilienz und den Willen überlebt zu haben und es sozusagen Hitler gezeigt zu haben – ich habe überlebt und du hast mich nicht gebrochen“, sagt Mihacek. Das nennt man posttraumatisches Wachstum. Mihacek erzählt, dass diese Überlebenden fast alle das Bedürfnis hätten ihre Erfahrungen an die nächstfolgenden Generationen weiterzugeben. Also etwa als Zeitzeugen in Schulen zu gehen oder in Dokumentationen, wie zum Beispiel die Shoah-Dokumentation von Steven Spielberg, mitzuwirken, manche schrieben auch Bücher. Die Überlebenden hätten ein hohes Bewusstsein für die Notwendigkeit die Jugend zu sensibilisieren und den Leuten zu erklären „was sind die Zeichen, dass es wieder zu solchen politischen Situationen oder Regimes kommt“, sagt Mihacek. Viele Überlebenden hätten darin auch einen Sinn gesehen. „Und das ist wie Überlebende im besten Fall mit der Vergangenheit umgegangen sind“, sagt Mihacek.

Auch Sturm-Schnabl geht als Zeitzeugin in Schulen. Sie sieht es als ihre Aufgabe an ihre Erfahrungen weiter zu geben. Das ist jedoch erst möglich seit sie bei ESRA war. Davor habe sie überhaupt nicht darüber reden können und sei sofort in Tränen ausgebrochen. Ihre Geschichte kann man hier lesen. Derzeitige politische Entwicklungen in Österreich beobachtet sie genau – und sie sieht Warnzeichen. Etwa, dass man künftig als Arbeitsloser kein Vermögen mehr haben dürfen soll und, dass die Sozialministerin Beate Hartinger-Klein, die dagegen war, „entmachtet“ wird. Genauso wie
„diese fremdenfeindliche Einstellung, dieser Zynismus. Also wenn ich so etwas höre, dass die Leute irgendwo konzentriert weggesperrt werden sollen, dann steigen bei mir aber alle Ängste auf. Weiters sagt sie: [D]er Rechtsruck und all diese rechtsextremen Dinge, die nichts Anderes sind wie Faschismus, [sind] was ganz ganz Gefährliches und das müssten eigentlich die Journalisten und die Medien, viel viel deutlicher sagen, das meine ich schon, viel deutlicher. Weil eigentlich rechtsextrem oder Rechtsruck gar nichts ist, es ist Faschismus.”

Beitragsbild: Katja Sturm-Schnabl  © Bojan Schnabl

Magdalena Pichler
Magdalena Pichler Magdalena Pichler hat einen Bachelor in Theater-, Film und Medienwissenschaften und einen Master in Politikwissenschaft. Artikel von ihr wurden in den Salzburger Nachrichten, der Wiener Zeitung, den Niederösterreichischen Nachrichten, der Österreichischen Musikzeitschrift und auf wien.orf.at veröffentlicht. Derzeit ist sie bei ORF III Kultur und Information tätig. Für OIDA ging sie der Frage nach, wie sich das Erleben und Überleben der NS-Verfolgung im Alter auswirkt und durfte ein Gespräch mit einer Zeitzeugin führen.