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Immer wenn Franz aus dem Fenster schaut, sucht er – und findet nichts. Die Einfahrt ist leer. Früher ist dort sein Auto gestanden. Bis er angefangen hat zu vergessen. Zuerst den Schlüssel oder das Geldbörsel, später den Weg nach Hause. Einmal musste sogar die Polizei kommen. Danach war Schluss. Seitdem wartet er nur mehr „aufs Sterben“.

Früher ist Franz dann in seinen dunkelblauen VW gestiegen und zum Wirt um ein Achterl Rot gefahren. Das war einmal.

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Anna Wielander

Der Tag beginnt trotzdem. Um 06.30 Uhr läutet der Wecker. Wenn er aufsteht, ist Martha schon in der Küche. Noch bevor Franz ins Bad geht, erinnert sie ihn an seine Medikamente. Die Schachteln am Tisch werden mehr. Vier Pillen gegen Demenz, drei gegen Krebs. Jetzt gibt es Frühstück. Striezel mit Butter und immer Nesquik-Kakao. Dazu die Kronen Zeitung. Später schnapsen sie. Franz hängt Martha meistens ein Bummerl um. Dann der Haushalt: Franz holt Holz, Martha die Fleischknödel aus der Gefriertruhe. Um 12.00 Uhr wird wieder gegessen. Im Fernsehen läuft das Programm von ORF 2, bei „Mittag in Österreich“ schläft Martha ein. Früher ist Franz dann in seinen dunkelblauen VW gestiegen und zum Wirt  um ein Achterl Rot gefahren. Das war einmal.

Etzelsreith und der tschechische Lastwagen

Bei Johann ist das anders. Gekonnt manövriert er den silbergrauen Ford durch die enge Hofeinfahrt. „Solang er noch mit dem Auto fahren kann, bin ich froh“, sagt Josefine. Sie ist 83, Johann ist 88. Ohne Lamentieren tragen die beiden die schweren Einkaufskörbe ins Haus. Drinnen in der Wohnküche ist es angenehm warm. Familienfotos, Blumen, Herrgottswinkel – alles hat seine Ordnung. Den Haushalt erledigt Josefine fast alleine.


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Draußen ist es ungemütlich. Dichter Nebel hängt über dem kleinen Dorf. Etzelsreith liegt im Bezirk Horn, mitten im Waldviertel. 21 Häuser, nicht alle sind bewohnt. Zirka 30 Menschen leben noch dauerhaft im Ort, Johann kann sie alle aufzählen. Es sind kaum Kinder, dafür umso mehr Pensionisten. Die Bevölkerungsstruktur des Dorfes hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Viele Junge sind weggezogen. „Is jo kloar, weil’s zu wenig Arbeit gegeben hat da in der Region“, sagt Johann.

Wir spazieren durch den Ort. Menschen sind keine auf der Straße. Nur alle fünf Minuten fährt ein Auto oder ein tschechischer Lastwagen vorbei. Etzelsreith gehört zur Großgemeinde Pernegg. Hier lebten in den Fünfzigerjahren noch über 1200 Einwohner. Jetzt sind es nicht einmal mehr 700. Im kleinen Etzelsreith sieht die Entwicklung noch dramatischer aus. „Es gibt ja eigentlich auch nix mehr da. Alles hat zugesperrt“, sagt Josefine.

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Alexander Polt

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Alexander Polt

 Der Weber-Wirt von Eulenbach

Franz wurde am 20. Juni 1932 in Eulenbach geboren, einer kleinen Ortschaft, die zum Bezirk Waidhofen an der Thaya gehört. 150 Menschen wohnen heute dort. Franz kennen alle. Sie nennen ihn den „Weber-Wirt“. Der Einfachheit halber, denn in Eulenbach gibt es Franz Weber gleich siebenmal. Der „Weber-Greißler“, der „Weber-Schmied“, der „Weber-Schuster“ – ihr Handwerk haben sie schon lange aufgegeben, irgendwann hat sich niemand mehr für sie interessiert. Der Name bleibt.

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Der „Weber-Wirt“ mit Koch & KellnerInnen

Anna Wielander

„Weißt du, wer ich einmal alles war?“, fragt Franz. Martha nickt stolz: „Ein richtiger Gschaftlhuber!“ Und tatsächlich, als Wirt hat er viel mitgeredet. Gab es eine „Gschicht“, er wusste sie zuerst. Im Haus war immer jemand zum Plaudern – entweder alte Freunde oder neue Bekannte. Man hat sich ausgetauscht, Witze gemacht, gelacht. 1984 hat er zugesperrt. Die Familie brauchte eine Versicherung und Franz einen anderen Job. Dann wurde er Totengräber. Bis zur Pension hat er 600 Leute beerdigt. Franz fällt die Erinnerung schwer, die Zahl wird er aber nicht vergessen.

Franz und Martha haben geheiratet, da waren beide noch Kinder. Martha wurde nie gefragt, ob sie Bäuerin werden möchte. Franz erbte die Landwirtschaft von den Eltern und sie tat, was von ihr erwartet wurde. Melken, Vieh füttern, ausmisten, den Boden beackern, Getreide pflanzen, Obst anbauen, ernten. Franz war meistens im Wirtshaus. Lange gab es keine Fragen nach dem persönlichen Befinden, kein Erkunden, was sie bräuchte, um glücklich zu sein. Die Arbeit musste fertig werden, alles andere war unwichtig. Martha weiß, dass ihre Welt nie besonders groß war. „Aber mir ist nichts abgegangen“, sagt sie.


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Es gibt noch immer was zu tun

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Alexander Polt

Langsam wird es Mittag in Etzelsreith. Johann schneidet die Erdäpfel für den Salat. Sonst ist er beim Kochen aber keine Hilfe. „Den Haushalt mach ich mir eh am liebsten selber“, sagt seine Frau. Sie stört es nicht, ihm selbst die Butter aufs Brot zu schmieren. Sie fühlt sich gern gebraucht. Dafür hat sie nie einen Führerschein besessen. Auch die Finanzen und Behördenwege     regelt   er.   Sie brauchen einander – und schauen aufeinander. 66 Jahre sind      sie seit November verheiratet.

Johann war 21, als er die 16-jährige Josefine aus dem Nachbarort heiratete. Damals arbeitete er beim Maurer-Betrieb des Vaters mit. Genügend Geld für die junge Familie kam nicht herein. Vor allem im Winter, wo es keine Aufträge gab. Finanzielle Sicherheit brachte erst Johanns Berufswechsel zur Versicherung. „Wir haben wirklich Glück gehabt“, meint Josefine. „Dann haben wir auch den Kindern was bieten können.“ Die Kinder hat es trotzdem „nach Wean“, also in die Stadt, verschlagen.

„Wir sind einfach froh, dass wir uns noch selbst versorgen können“

Johann und Josefine sind dageblieben. Und solange es geht, wollen sie auch dableiben. Sie hängen sehr an ihrem Zuhause. Vor allem der Garten bereitet ihnen im Sommer viel Freude. „Weil man immer eine Aufgabe hat.“ Die Gartenarbeit erledigen die beiden ohne fremde Hilfe. „Wir sind einfach froh, dass wir uns noch selbst versorgen können“, sagt Josefine. Die beiden versuchen, fit zu bleiben – körperlich und geistig. Mit Lesen, Rätseln, Karten spielen, Spaziergängen. Aktivität und Selbstbestimmtheit sind ihnen sehr wichtig. „Schau andere an, die können nur mehr drinnen herumsitzen den ganzen Tag.“, sagt Johann.

Zeit, schlafen zu gehen

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Franz-Hände

Anna Wielander

Es ist ruhig geworden in ihrem Leben. Martha löst oft stundenlang Kreuzworträtsel. Das Stricken macht ihr auch Freude. Zehn Paar Wollsocken im Jahr, für die vier Enkel und die zwei Urenkel. Martha sitzt in der Küche, Franz im Wohnzimmer. Auf der alten Ledergarnitur, die Hände im Schoß. Der weiße, gehäkelte Vorhang ist lichtdurchlässig und zugezogen. Dort wartet er. Jetzt, sagt er, kann es nicht mehr lange dauern. Immer seltener spricht er zu den Menschen, die um ihn sind.

Wenn es dunkel wird, geht alles schnell. Franz cremt Hände und Füße von Martha ein. Die Chemotherapie hat die Haut ausgetrocknet. Der Fernseher wird abgedreht. Plötzlich ist es totenstill. Dann wird das Nachthemd angezogen. Um 20.00 Uhr liegen beide im Bett und schlafen.

„Solang wir das Auto haben, geht das schon alles“

Johann und Josefine ist es wichtig, auch aus dem Ort rauszukommen und Freunde zu treffen. „Dass man wen zum Reden hat, ist sowieso das Wichtigste“, sagt Johann. Ein wöchentlicher Fixpunkt ist seine ‚Herrenrunde‘ in Horn. Jeden Mittwoch treffen sich die sechs älteren Herren – zum Austausch, zum gemütlichen Trinken.

 Pünktlich um 9.30 geht es los, abwechselnd im Öhlknechthof und im Poststüberl. Zuerst auf einen Kaffee, dann auf ein Achterl Roten. Von 10.30 bis 12.00 ziehen sie weiter zum Autohaus Lehr. „Da gibt’s dann a Leberkässemmel und an Sekt“, sagt Johann. Anschließend fährt er mit dem Auto wieder fünfzehn Kilometer zurück nach Etzelsreith. Dort wartet Josefine immer schon mit dem Essen.

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Alexander Polt

Josefine kommt erst zur Ruhe, wenn sie sich sicher ist, dass alle anderen versorgt sind. Das hat sie sich bis heute beibehalten. „Mir macht Arbeit überhaupt nichts aus – das, was ich machen kann, mach ich.“ Natürlich sind die beiden nicht mehr so agil wie früher. Johann fährt nur mehr bei Tageslicht. Auch weite Strecken meidet er. „Aber solang wir das Auto haben, geht das schon alles“, sagt der 88-Jährige. Hausarzt und Kirche sind im drei Kilometer entfernten Pernegg. Supermärkte, Post, Banken, Behörden – das gibt es alles nur mehr in Horn. Rundherum fehlt es an Infrastruktur. Auch öffentlichen Nahverkehr gibt es kaum. „Wenn du kein Auto hast, bist du machtlos.“

Unsere Reportage zeigt einige Herausforderungen auf, mit denen ältere Menschen in peripheren Regionen wie dem Waldviertel konfrontiert sind. Hier werden Mobilität, fehlende Infrastruktur und der Mangel an Nahversorgung im Alter zunehmend zum Problem. Auf unserer Suche nach Lösungsansätzen haben wir uns mit Christian Neumann und Markus Hemetsberger vom Amt der Niederösterreichischen Landesregierung getroffen. Die beiden arbeiten als Demograph bzw. Statistiker in der Abteilung Raumordnung und Regionalpolitik.

Etzelsreith und Eulenbach haben viel gemeinsam. Die Bevölkerung wird immer älter, Nahversorgung gibt es keine mehr. Einkäufe, Arztbesuche, Behördenwege – der Ort muss verlassen werden. Was tut man aber, wenn man kein Auto besitzt?  
Neumann: Es ist kein Geheimnis, dass gerade im Waldviertel ein Bevölkerungswandel zu beobachten ist. Die Alten werden mehr, die Jungen werden weniger – dass akut eine ganze Region ausstirbt, davon sind wir aber weit entfernt. Natürlich muss über alternative Möglichkeiten, gerade im Bereich der Mobilität, nachgedacht werden.

Sie beide sind Teil der Abteilung Raumordnung und Regionalpolitik. Keiner kennt die Zahlen besser als sie. Was muss konkret passieren, um diese Entwicklung aufzuhalten?
Hemetsberger: Die „eine“ Lösung gibt es einfach nicht. Wir wissen: Es ist ein komplexes Zusammenspiel- und wirken von mehreren Maßnahmen. Und davon passiert genug, glaube ich.
Neumann:
Das, was immer wieder gesagt und auch getan wird: Arbeitsplätze schaffen, flächendeckende Kinderbetreuung anbieten und mobile Betreuung ausbauen. Das Angebot besteht. Aber auch wir können nicht vorhersagen, ob solche Maßnahmen die Situation längerfristig verändern.

Die Politik tut also genug für den ländlichen Raum?
Hemetsberger: Ja, die Politik ist sehr breit aufgestellt, was dieses Problem betrifft.
Neumann: Ich fürchte, es kommt immer auf den Einzelfall an. Man kann nicht das ganze Waldviertel über einen Kamm scheren. Es gibt Gemeinden – nicht im Bezirk Waidhofen/Thaya, aber zum Beispiel in Gmünd – wo es so aussieht, als würde bereits eine Trendwende stattfinden. Dort wachsen die Gemeinden, auch mehr Junge kommen zurück. Es wird Ihnen aber kein Experte eine Antwort auf die Frage geben können, ob das ausschließlich wegen Maßnahmen passiert, die von Seiten der Politik richtig eingesetzt wurden – oder ob auch andere treibende Kräfte dahinterstecken.

Alexander Polt
Alexander Polt Alexander Polt liebt es zu schreiben. Am liebsten schreibt er über Menschen und Politik. Neben dem FH-Studium absolviert er einen Master in Politikwissenschaft und versucht, möglichst viel journalistische Praxiserfahrung zu sammeln. Für OIDA fuhr er ins Waldviertel und nahm sich den Herausforderungen an, die den Alltag im “Land der Alten” prägen.
Anna Wielander
Anna Wielander @annawiela Anna Wielander mag den Osten. Sie hat einen Bachelor in Slawistik und einen Master in Politikwissenschaft, den sie in Prag abgeschlossen hat. Vor einem Jahr kehrte sie aus Tschechien zurück, weil der Ernst des Lebens anfing: ein Job beim ORF. Für OIDA ist sie dennoch wieder gen Osten gefahren. Im Waldviertel entdeckte sie das “Land der Alten”.