Peter sitzt in seinem Arbeitszimmer. Es ist ein hoher Raum in einer Altbauwohnung, mit Regalen bis an die Decke, die voll sind mit Büchern, Akten, CDs. Überall stapeln sich Papiere, Entwürfe, Pläne.
Peter ist eigentlich Pensionist. Trotzdem arbeitet er noch: als Lektor an der Technischen Universität Wien und als Architekt, hier in seinem Büro im vierten Bezirk in Wien. Peter lebt auch hier, in seiner Altbauwohnung– gemeinsam mit Studenten.

Was für viele wie ein unkonventionelles Wohnkonzept klingen mag, ist für ihn seit 24 Jahren Realität: Eine Wohngemeinschaft zwischen Jung und Alt.


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Auch Martin wohnt in einer riesigen Wohnung, an die 200 Quadratmeter ist sie groß, schätzt er. Er hat hier ein typisches Studentenzimmer, ausgestattet mit dem nötigsten: einem schmalen Bett, einem großen Kasten, einem Schreibtisch. Ungewöhnlich ist die altmodische Sofagarnitur aus dem letzten Jahrhundert. Von der Musterung der Polsterbezüge kann man aber kaum etwas erkennen, weil die Garnitur über und über mit Kleidungsstücken und Uni-Utensilien bedeckt ist. Die Wohnung liegt im ersten Bezirk in Wien, eine noble Gegend, nicht weit weg von der Universität und der Börse. „Die Lage ist unschlagbar“, sagt Martin, der auf der Wirtschaftsuniversität studiert. „Von hier bin ich wahnsinnig schnell auf der Uni.“ Martin kann es sich leisten, hier zu wohnen – denn er muss nur für sein Zimmer bezahlen. Für den größeren Teil der Wohnung kommen seine Mitbewohner auf.
Martins Mitbewohner sind über sechzig Jahre alt.

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Martin verbringt gerne Zeit in der WG-Küche.

Zwei Zimmer für Studenten

Vor 24 Jahren war Peter wissenschaftlicher Beamter an der TU und seine große Altbauwohnung in Wieden noch annähernd leer. In einer Hochschulsitzung erfuhr er, dass zwei amerikanische Austauschstudenten gerade auf Wohnungssuche seien, erzählt Peter: „und dann hab ich einfach zwei Zimmer an sie vergeben.“

Was als Zufall begann, gefiel ihm so gut, dass er das Konzept beibehielt. Außer seinen beiden Büroräumen gönnt er sich selbst nur ein einziges Privatzimmer, in dem er zwischen hohen Bücherregalen und Grünpflanzen lebt. Die insgesamt drei zusätzlichen Schlafräume seiner Wohnung vermietet Peter nun schon seit vielen Jahren–immer an Studenten oder Personen, die gerade erst ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Untermieter aus aller Welt hatte er schon, von Japanern über Schweden, eine Portugiesin, eine Italienerin, einen Amerikaner mit seiner litauischen Freundin. Sogar ein Dissertant aus Bangkok habe eine Zeit lang hier gewohnt, erzählt Peter schmunzelnd. Die meisten seiner vergangenen Mitbewohner waren Austauschstudenten, sie blieben oft nur ein paar Monate oder ein Jahr.
„Die momentane Besatzung ist eigentlich schon am längsten stabil“ sagt Peter.

Jeder für sich, alle miteinander

Vor eineinhalb Jahren wollte Martin nach Wien ziehen, zunächst eigentlich in ein Studentenwohnheim. Doch die angebotenen Zimmer in den Heimen gefielen ihm nicht, meist störte ihn deren Lage in doch eher abgelegenen Ecken der Stadt. Dann fand er zufällig eine Anzeige online: „suche Mieter“. Martin meldete sich auf die Anzeige und zog nur wenige Wochen später ein. Bereut hat er es nicht.
Das Zusammenleben mit seinen Mitbewohnern ist meist harmonisch. Den Vermieter, er ist Ende sechzig, bekommt Martin selten zu Gesicht. Hier geht jeder der beiden seine eigenen Wege, Berührungspunkte gibt es wenige. Martin stört das nicht, für ihn ist es eher eine Zweckgemeinschaft – für ihn selbst ist die Miete verhältnismäßig niedrig, für seinen Vermieter wird ein Teil der Wohnung genutzt und belebt.
Zusammentreffen gibt es manchmal in den gemeinsam genutzten Bereichen der Wohnung, wie zum Beispiel der Küche, die erst unlängst komplett renoviert wurde.

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Ein Spiegelbild des Zusammenlebens: der alte Ofen und die modernen Theken bilden ein harmonisches Ganzes in der WG-Küche von Martin und Renate.

Hier gibt es auch manchmal Schwierigkeiten. Zum Beispiel wenn Martins Vermieter zwei Drittel des Kühlschranks selbst in Anspruch nimmt und keinen Platz für die anderen beiden Mitbewohner lässt. Oder, wenn der neue Herd mit dem Ceran-Kochfeld nach dem Kochen nicht gereinigt wird. „Ich putz’ eh, aber er putzt oft nicht“, regt sich Martin auf. Man bekommt den Eindruck, er fühle sich als der Erwachsenere, obwohl er eigentlich mehr als vierzig Jahre jünger ist.
Peter spricht über die „momentane Besatzung“ der WG. Die momentane Besatzung – das sind Peters Sohn, der unlängst sein Informatikstudium beendet hat. Sophie, eine zwanzigjährige Studentin der Vermessungskunde, die über das Start-Up “WGE!-Gemeinsam Wohnen” auf Peters WG gestoßen ist. Arne, ein 35-jähriger Student aus Deutschland. Und natürlich Peter selbst.

Entgeltliche Einschaltung

Jeder von ihnen bewohnt ein Zimmer in der Wohnung, die sich über eine ganze Etage des Wohnhauses erstreckt. Der Vorraum wird gemeinsam genutzt, hier sieht es sehr nach Studenten-WG aus: Bunte Poster und Postkarten bedecken die Wände, an der Garderobe hängt ein Sammelsurium an Jacken, am Boden liegen große Teppiche. Geteilt wird auch das Bad – ein kleiner, holzvertäfelter Raum – und die gemütliche, große Küche.  Hier spielen sich große Teile des täglichen Zusammenlebens ab, hier wird oft gemeinsam gekocht oder gegessen.
„Zu Weihnachten zum Beispiel machen wir immer ein WG-Essen“, erzählt Peter. „Heuer hat es Fisch in Weißweinsauce gegeben, aber wir haben auch schon Gans gemacht, oder Ente.“ Wenn er von diesen gemeinsamen Aktivitäten erzählt, strahlen seine Augen vergnügt.

Im Gegensatz zum Verhältnis mit seinem Vermieter ist Martins Beziehung mit seiner Mitbewohnerin Renate blendend. Martin kennt ihr genaues Alter nicht, schätzt sie aber auf über sechzig Jahre alt. Sie wohnt bereits seit einiger Zeit hier, ist zirka fünf Jahre vor Martin im Zimmer gegenüber eingezogen. Er ist oft bei ihr drüben, „zum Plaudern über Alltägliches.“ Sie kommen gut miteinander aus, planen auch manchmal gemeinsame Freizeitaktivitäten wie Kaffeehausbesuche oder Ausflüge.
„Es ist witzig, zu sehen, wie die Leute reagieren, wenn sie mit einem sehr viel Jüngeren ins Restaurant kommt“, findet Martin. Er gefällt sich offensichtlich in der Rolle des jungen Begleiters. „Wir amüsieren uns dann immer köstlich.“

“Man kann auch Erfahrungen austauschen”

Auch Peter genießt das Zusammenleben mit der anderen Generation sichtlich. „Was könnte einem am Wohnen mit jungen Menschen auch nicht gefallen?“, fragt er.
Schwierigkeiten gäbe es kaum. Ganz selten traten in der Vergangenheit Unstimmigkeiten zwischen den Studenten und Studentinnen auf, so wie das eine Mal, als einer der Mitbewohner tödlich beleidigt war, weil die Mitbewohnerin seine romantischen Avancen nicht erwiderte. Peter selbst zeigt sich in solchen Fällen gelassen. „Das hat sich dann von allein gelöst, der Mitbewohner ist bald danach ausgezogen.“  

Auch in Haushaltsangelegenheiten ist Peter entspannt. In regelmäßigen Abständen kommt eine Reinigungshilfe vorbei, die von ihm finanziert wird. Die kleinen Aufräumarbeiten des Alltags nehmen die Mitbewohner selbst vor. Peter sagt selbst, dass er all diese Dinge einfach vorlebt, seine jüngeren Wohnungsgenossen passen sich an. Restriktionen muss er keine ausüben, aber „da spielt sicher der Respekt vor dem Älteren auch eine Rolle.“ Das Zusammenleben funktioniert – trotz oder gerade wegen dem großen Altersunterschied.

Martin ist nicht überrascht davon, wie harmonisch das generationenübergreifende Wohnen abläuft. „Mit älteren Leuten bin ich schon immer besser zurechtgekommen als mit Jüngeren oder Gleichaltrigen“, erzählt er. Bereits in dem Golfclub, in dem er als Jugendlicher regelmäßig spielte, fand er Freunde, die einige Jahrzehnte älter waren als er selbst. „Mit denen hab ich Spaß haben können, reden können – das hat mir immer schon getaugt. Man  kann auch Erfahrungen austauschen.“
Das tut Martin nach wie vor mit Renate. Die beiden unterstützen sich im Alltag gegenseitig. Zum Beispiel haben sie gemeinsam die Topfpflanze eingekauft, die jetzt Martins Zimmer verschönert. Oder Renate stattet Martin mit Mehl, Butter und Zucker aus, damit dieser Vanillekipferl für sie beide bäckt.

Peter findet diese gegenseitige Unterstützung wichtig. Er will dafür sorgen, dass Wohngemeinschaften wie die seine in Wien zunehmen. Dafür arbeitet er auch hart: momentan plant er gemeinsam mit anderen ein Generationen-Wohnprojekt in der Seestadt Aspern. Für ältere Menschen, alleinerziehende Mütter und Väter und für Studenten soll hier eine Möglichkeit geschaffen werden, gemeinsam zu leben und sich gegenseitig zu unterstützen.

Denn Peter ist überzeugt: „Gemeinsam Wohnen ist extrem bereichernd.“

Ida Woltran
Ida Woltran Ida Woltran hat Rechtswissenschaften in Wien studiert. Sie liebt es zu lesen und zu schreiben, besonders gern über’s Reisen, über Menschen und deren Geschichten. Für OIDA hat sie sich mit dem Thema Armut im Alter auseinandergesetzt und mit älteren Menschen über finanzielle Herausforderungen im Alltag gesprochen. Außerdem hat sie Wohngemeinschaften besucht, in denen Studenten und Senioren gemeinsam den Kochlöffel schwingen.