Nach der Diagnose hab ich geglaubt, dass ich dran sterben werde. Es war ein Schock, wie ein Hammer am Schädel und da war so ein Gefühl, das jetzt alles egal ist und ich mich einfach vorbereiten muss. Ich hab Strategien ausgearbeitet und überlegt, was ich selber ändern kann, damit es besser wird für mich. Manchmal funktioniert’s, meistens nicht. Man lernt das nicht. Es ist die harte Wirklichkeit, die einen umhaut, aber dann geht’s wieder. Also habe ich mein Testament gemacht und meine Kinder haben mich ausgelacht. Es war irgendwie unwirklich. Ich hab dann meine Sachen geordnet, das Haus geputzt und alles vorbereitet. Ich musste vor der Operation alles putzen und waschen, damit alles schön ist und ich es gut hinterlasse. Ich wollte nicht, dass die Leute später schlecht über mich reden und ganz im Hinterkopf wollte ich es auch schön haben, falls ich doch wieder zurückkomme.

Als ich dann wirklich wieder zurückgekommen bin, war die ganze Badewanne mit Geschirr angefüllt und Berge von Hemden und anderer Wäsche lagen überall in der Wohnung verteilt. Mein Lebensgefährte hat nichts gemacht, er hat alles in die Badewanne geschmissen und wollt’s dann am letzten Tag waschen. Aber dann war ich früher zurück und hab gesehen, dass ich doch nicht unentbehrlich bin. Er hätte ja noch eine zweite Badewanne kaufen können, ein bisschen Geschirr war ja noch da.

Ich selber war immer mit Licht unterwegs”

Das war vor 14 Jahren, als ich noch mit ihm zuhause gewohnt hab und alles schön war. Natürlich hat er früher auch Sachen gesammelt, aber nicht in der Wohnung. 33 Jahre waren wir zusammen. 32 davon waren recht nett und das letzte furchtbar.

Angefangen hat alles erst vor ungefähr acht Jahren, als mein Lebensgefährte in Pension ging. Es war alles ganz wunderbar und auf einmal standen die Möbel in zwei Reihen. Alles was unten auf der Straße in den Mulden gelegen ist, hat er nach Hause gebracht. Irgendwann war die ganze Wohnung vollgestellt, bis nur mehr ein kleiner Gang war zum Durchgehen. Die Sachen waren übereinandergestapelt, in der Nacht hab ich schlecht geschlafen, weil ich Angst hatte, dass er erschlagen wird, wenn von oben was runterfällt. Ich selber war immer mit Licht unterwegs, man kann ja so leicht wo anstoßen. Wir hatten dann jede Menge Durchlauferhitzer in der Wohnung, solche, die man gar nicht mehr anschließen darf, weil sie schon verboten sind. Lauter alte Sachen hat er angeschleppt, sogar eine Sauerstoffflasche für den Fall, dass wir mal eine brauchen, alles war vollgestopft mit Tiefkühltruhen und Müll. Er hat auch Wasserleitungen und Waschbecken gesammelt, damit er eins hat, falls was kaputt geht. Wir hatten von der Radiobastler-Zeitung alle Jahrgänge seit 1954, ich hab ihm gesagt, er soll’s bitte wegschmeißen, so ein Radio kann man gar nicht mehr selber basteln. „Nein ich brauch das, das ist meine Kindheit“

Ein leichter Abschied

Neben der Pension hat er noch gearbeitet, weil sonst müsse er ja verhungern. Wahrscheinlich hatte er Zukunftsängste und all diese Sachen an sich gerafft, damit er was hat für seine alten Tage. Ja, ich kann mir’s nur so vorstellen. Für ihn war das ganz normal, er wollte das schon immer machen und jetzt hätte er endlich Zeit dafür. Es war, wie wenn man einen Schalter umlegt. „Entweder du liebst mich so, dass du mit mir lebst oder du musst eine andere Lösung suchen.“ Aber so konnte ich nicht leben. Als ich auf den Prospekten das 10-stöckige Pensionistenhaus gesehen hab, war ich schon sehr skeptisch. Ich hatte Angst, dass er mir’s ewig übel nehmen wird und dass es ihm nicht gut gehen wird. Es geht ihm eh nicht gut, er hat einen Herzinfarkt gehabt und wohnt immer noch dort. Zuerst hat er mir nicht geglaubt, dass ich ins Pensionistenheim gehe und gemeint, dass er so froh sei, dass ich Verständnis hätte, dafür, dass er die Sachen alle braucht. Es war für mich dann eigentlich ein leichter Abschied. Ich hätte manches anders gemacht, aber dass ich weggezogen bin, war gut.

Heute wie Morgen

Er nimmt seine Medikamente nicht und fährt mit Blutdruck 200 im Auto herum. Wir sehen uns fast jeden Tag, er kommt auch und sagt: „Hast du vielleicht ein Packerl Butter über?“, oder: „Isst du das Kompott noch?“ Ich fühl mich nicht mehr zuständig und auch nicht mehr verantwortlich.

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Konstantin Auer
Konstantin Auer @AuerKo Konstantin Auer hat einen Bachelor in Politikwissenschaft und einen in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Journalistische Erfahrungen sammelte er bei den Tips, bei M-Media, dem Kurier und dem ORF. Für OIDA führte er tiefgehende Gespräche mit Bewohnerinnen eines Seniorenheims. Die Begegnungen beeindruckten ihn sehr, besonders das Interview mit einer Dame, die gegen den Nationalsozialismus Widerstand leistete.
Veronika Hribernik
Veronika Hribernik @vero_hribernik Veronika Hribernik studierte Transkulturelle Kommunikation und Kultur- und Sozialanthropologie. Ihre große Leidenschaft ist es die Geschichten, die jeder Mensch zu erzählen hat, zu Papier zu bringen. Für OIDA machte sie sich auf die Suche nach solchen Geschichten und erfuhr dabei viel über das Leben. Sie sprach mit Bewohnerinnen eines Seniorenheimes über ihre Träume und Ängste, dokumentierte Tätowierungen audiovisuell und versuchte sich erstmals auch im Anzeigenverkauf.
Sieglinde Wöhrer
Sieglinde Wöhrer Sieglinde Wöhrer hat Germanistik in Wien studiert. Sie interessiert sich für Literatur und Gesellschaftskritik. Beim Schreiben beobachtet sie das Leben gern aus ungewöhnlichen Blickwinkeln. Für OIDA hat sie sehr persönliche Gespräche geführt und erkannt, wie Ängste und Träume den Alltag prägen.